Dünn über Nacht
Die psychischen Auswirkungen einer Operation sind hingegen wesentlich schwieriger vorherzusagen. Sie hängen inhohem Maße davon ab, wie stark sich die Krankheit schon vor der Operation auf das mentale Wohlbefinden ausgewirkt hat.
Einige Patienten haben möglicherweise eine Dys-morphophobie (ein verzerrtes Bild ihres Aussehens, das zu Angstzuständen führt), während andere teil-weise oder vollständig aufgrund der Behandlung ihrer Krankheit an chronischen Depressionen leiden können.
Dr. Axel Baumgartner
Eine Fettabsaugung und die damit verbundene Ver-änderung Ihres Aussehens führen nicht automatisch dazu, dass Ihr Gehirn diese Veränderung sofort akzep-tiert und feiert. Es kann Monate dauern, bis Sie sich an Ihre neue Körperform gewöhnt und diese angenom-men haben.
Die psychischen Auswirkungen, die das Lipödem auf Patienten hat, sind ebenso unterschiedlich wie die körperlichen Auswirkungen. Die Fettabsaugung bewirkt zwar eine schnelle körperliche Veränderung, aber einige Patienten brauchen manchmal Monate, um auch innerlich diese Veränderung anzunehmen. Wenn Ihnen immer wieder gesagt wird, dass Sie Geduld haben sollen, ehe Sie Ihre neue Körperform endgültig beurteilen, so trifft das sogar noch mehr auf Ihr psychisches Wohlbefinden zu. Viele stehen unter Druck, weil ihre Selbsthilfegruppe, ihr Arzt, ihre Freunde oder Familie jetzt von ihnen erwarten, dass sie aufgrund ihrer Liposuktion überschäumen vor Glück. Sie verstehen nicht, dass sie einfach noch etwas Zeit brauchen, um sich an ihre neue Körper-form zu gewöhnen.
Wenn Sie zuvor bereits viele Jahre mit den psychi-schen Auswirkungen und Einschränkungen dieser Krankheit gelebt haben, wird es einige Zeit dauern, bis Sie sich mit Ihrem neuen Körper und der neuge-wonnenen Beweglichkeit zurechtfinden.
In manchen Fällen führt dies zu einer regelrechten Fixierung auf Körpermaße und -form. Viele begleitet die Angst, dass, wenn sie morgens aufwachen, ihre mit Lipödemen gefüllten Gliedmaßen über Nacht zurückgekehrt sind. Diese Patienten brauchen die stetige Bestätigung von außen, dass sie völlig nor-mal aussehen. Sie wissen gar nicht mehr, wiesie sich selbst von der Silhouette her einschätzen sollen. Jegliches Körpergefühl ist plötzlich verschwunden. Das kommtdaher, dass der Kopf keine Zeit hatte, in die neue Körperform hineinzuwachsen und diese anzunehmen. Man könnte auch sagen „Körper und Geist sind noch nicht Eins“. Im Kopf stecken sie noch in ihrem alten Körper. Und dieser Konflikt zwischen Selbstwahrnehmung und Realität macht vielen Pati-enten erst einmal zu schaffen. Die oberste Regel ist, setzen Sie sich selbst auf keinen Fall unter Druck. Es fällt Vielen schwer, darüber zu sprechen. Sie haben Angst, anderekönnten sie als undankbar empfinden und verurteilen. Frei nach dem Motto „Nun hattest du doch endlich deine Liposuktion. Was willst du denn noch?!“ Mein Rat lautet: Trauen Sie sich! Sprechen Sie darüber mit Menschen, die Sieverstehen. Manchmal ist das eigene Umfeld damit überfordert und reagiert mit Unverständnis und Ratlosigkeit. WendenSie sich
z.B. an Selbsthilfegruppen auf Social Media. Dort sind
Die körperliche Erholung von Patienten nach einer Fettabsaugung ist relativ einfach vorherzusagen. Abgesehenvon unvorhergesehenen und seltenen Komplikationen werden die meisten Patienten etwa 12 Wochen nach derOperation zu mindestens 90 Prozent auf dem Weg zur vollständigen Genesung sein. Einige langfristige Schwellungen und harte Bereiche werden vielleicht auch noch einige Monate brauchen, bis sie vollständigabgeklungen sind.
Sie erst einmal in der Sicherheit der Anonymität und bekommen eine schnelle Reaktion auf Ihr Anliegen. Auch sogenannte „Lipödem Coaches“ sind hier eine gute Wahl, weil sie mit dem Problem vertraut sind und es nicht selten selbst durchlebt haben.
Auch eine Fotosession bei einem guten Fotografen kann Ihnen helfen, sich Ihrer neuen Körpersilhouette bewusst zu werden. Suchen Sie sich jemanden, der Sie richtig gut in Szene setzt. Hierbei geht es nicht um gefakte bearbeitete Bilder, sondern einfach darum, Ihre Schokoladenseite für sich selbst sichtbar zu machen und anzunehmen. Egal ob in Dessousoder in Kompressionsversorgung, Sie werden überrascht sein, wie schön Sie sind, wenn Sie sich schön sein lassen. Viele Lipödempatientinnen haben nur wenige alte Fotos von sich, weil sie sich nur ungern haben foto-grafieren lassen.Aber wenn Sie welche haben, kann auch der Vergleich mit den neuen Fotos sehr dabei helfen, sich seiner neuenKörpersilhouette bewusst zu
werden. Erlauben Sie sich, sich selbst schön zu finden und glücklich zu sein. Diese positiven Gedanken wer-den sichautomatisch auch auf Ihr Umfeld übertragen.
Viele Lipödempatientinnen lehnen schon ihr ganzes Leben ihren Körper ab. Und nur weil sie jetzt eine neue Form haben, heißt das nicht, dass sie ihn auf einmal lieben können. Sie müssen erst lernen, ihren Körper und manchmal sogar auch sich selbst zu lieben. Achtsamkeit und Dankbarkeit sind hier die Schlüsselworte. Dankbarkeit lässt sich antrainieren. Konzentrieren Sie sich auf das Gute, das bereits vorhanden ist und nicht auf Ziele, die nur schwer erreichbar sind. Machen Sie sich die guten Seiten Ihres Körpers bewusst. Nur wenn man den eigenen Körper wieder spürt, kann man eins mit ihm werden und auch seelisch heilen. Meditation hat sich hier-bei als hilfreich erwiesen. Schließen Sie für ein paar Minuten täglich die Augen und konzentrieren Sie sich nur auf ihre Atmung, und spüren Sie sich dabei. Nehmen Siesich 1-2 Tage die Woche für ein schönes Bad und verwöhnen Sie Ihren Körper, indem sie ihn mit Ihrer Lieblingscreme bewusst Körperteil für Kör-perteil eincremen. Denken Sie dabei daran, wofür Sie ihm dankbar sind. Insbesondere unsereFüße, die uns durch unser ganzes Leben tragen, finden oft zu wenig Beachtung. Denken Sie daran, Ihr Körper kann nichtsfür seine Erkrankung! Er verdient es geliebt und geachtet zu werden. Und wenn die dunklen Gedan-ken wiederkommen, dann verdrängen Sie sie nicht. Es geht ums Wahrnehmen, Erkennen und Annehmen. Setzen Sie sich damit auseinander. Manchmal hilft es, die Gedanken auf einzelne Zettel aufzuschreiben und sich anzusehen. Und dann überlegen Sie, ob diese dunklen Gedanken wirklich gerechtfertigt sind und welche guten Gründe es gibt, sie nicht weiter zu verfolgen. Anschließend nehmen Sie den Zettel und verbrennen ihn in einer Schale. Sehen sie dabei zu, wie er sich in Rauch auflöst. Sie werden überrascht sein, wie gut Sie sich danach fühlen. Es gibt so viele hilfreiche Übungen in derVerhaltenstherapie, nutzen Sie sie für sich.
In einigen Fällen kommt es auch zu einer Verschie-bung des Fokus. Die abgesaugten Beine passen jetzt wunderbar in dieneue Jeans, aber Bauch und Hüfte erscheinen einem auf einmal so fürchterlich dick. Das nennt man Kontrastfehler. Durch Achtsamkeit mittels guter Ernährung und gezielten Übungen kön-nen Sie diesen Bereich an ihre Beine nach undnach angleichen. Aber manchmal ist es auch eine Selbst-wahrnehmungsstörung. Und Selbstwahrnehmungs-
störungen resultieren aus Ängsten, die auch vor der Liposuktion schon dagewesen sind, aber denen Sie sich nie gestellt haben. Die Angst nicht geliebt oder ausgegrenzt zu werden. Oder auch einfach nie gut genug zu sein. Um dieseÄngste zu überwinden, und sich so wahrnehmen zu können, wie man ist, gibt es verschiedene praktische Ansätze in der Verhaltens-therapie. Fragen Sie Andere, wie sie Sie sehen und was sie an Ihnen mögen. Dabei spielen nicht nur die Optik, sondern auch Eigenschaften eine Rolle. Schrei-ben Sie es auf ein Blatt Papier. Anschließend sehen Sie sich diesenZettel an und stellen sich einen Men-schen mit den genannten Merkmalen vor. Wir sind nur allzu bereit, gute Eigenschaften bei anderen zu bewundern, aber bei uns selbst schenken wir ihnen keine Beachtung. Indem Sie sichabspalten und diese Eigenschaften bei einer fiktiven Person visualisieren, wird nach und nach das Begreifen kommen,dass Sie dieser Mensch sind, von dem da die Rede ist.
Es gibt auch Fälle, in denen nach der Liposuktion die Libido abnimmt. Sie können es sich selbst nicht erklären, aber Siehaben überhaupt keine Lust mehr auf Sex. Dabei haben Sie erwartet, dass Sie sich jetzt viel wohler dabei fühlenwürden. Stattdessen lie-gen die vor der Liposuktion euphorisch gekauften Dessous jetzt ungenutzt in der Schublade.Fett hat
ein zu niedriger Östrogenspiegel der Fall sein, kann man ein Hormonpräparat einnehmen. Es gibt jedoch auch verschiedenealternative Möglichkeiten, mittels Ernährung und homöopathischen Präparaten, die Östrogenproduktion anzuregen.
Einige Patienten sind so fokussiert auf die Liposuk-tion als Allheilmittel, dass sie enttäuscht sind, wenn sich danach nicht alle Probleme automatisch in Luft auflösen. Hat vor der Liposuktion eine Essstörung bestanden, so wird sie nach der Liposuktion nicht auf einmal verschwunden sein. Es ist an der Zeit, sich damit auseinander zu setzen. Holen Sie sich Hilfe. Verhaltensmuster, die man sich über Jahre und manchmal sogar Jahrzehnte antrainiert hat, sind schwer zu durchbrechen. Alleine ist das fastunmög-lich. Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus und Sie werden überrascht sein wie viele die gleichen Probleme haben. Vielleicht haben diejenigen auch einen guten Therapeuten zur Hand. Denn wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie dasalleine nicht schaffen, dann holen Sie sich professionelle Hilfe, die Sie auf dem Weg, sich neu zu finden, unterstützt. Kognitive Verhaltenstherapie ist zum Beispiel eine Form der Psychotherapie, die sich bei Lipödempatientinnen mit diesem Problem als sehr hilfreich erwiesen hat.

